Thema Kognition aus Sicht einer Neuropsychologin

Interview mit PD Dr. Iris-Katharina Penner

In welcher Phase der MS tauchen kognitive Einschränkungen auf?

Kognitive Störungen können in allen Phasen der Erkrankung auftreten. Bereits bei Patienten mit einem Clinically Isolated Syndrome (CIS), d.h. zu einem Zeitpunkt, zu dem die definitive Diagnose MS noch gar nicht feststeht, werden Veränderungen in den kognitiven Kernfunktionen beobachtet. Unabhängig von den verschiedenen Verlaufsformen können demnach kognitive Veränderungen auftreten. Der Zeitpunkt kann allerdings nicht im Vorhinein bestimmt werden.


Können MS-Betroffene kognitiven Störungen vorbeugen?

Eine Vorbeugung im Sinne einer kompletten Abwendung des Auftretens gibt es nicht. Was allerdings beobachtet wird, ist, dass Personen, die kognitiv sehr aktiv sind, eine bessere kognitive Reserve haben. Dies bedeutet, dass Einbussen erst später deutlich werden, weil das Gehirn von geistig aktiven Menschen in der Lage ist, besser zu kompensieren.

 

Wie merke ich als Betroffener, dass ich unter kognitiven Einschränkungen leide?

In den meisten Fällen fällt den Betroffenen an sich selbst eine Verlangsamung bei ihren Denkvorgängen auf. Man überlegt länger, bis man Entscheidungen trifft, braucht länger um komplexe Zusammenhänge zu verstehen, nimmt sich mehr Zeit beim Beantworten von Fragen etc. Hinzu kommt häufig eine Störung des Arbeitsgedächtnisses, die sich vor allem im Unvermögen äussert, kurzfristig Informationen im Gedächtnis zu behalten (z.B. Vergessen, was ich vor wenigen Augenblicken noch im Supermarkt einkaufen wollte, Vergessen von Telefonnummern, die mir soeben jemand gesagt hat etc.). Begleitet wird das Ganze oftmals durch Einschränkungen der Aufmerksamkeitsspanne. Erste Anzeichen können allerdings minimal sein und werden nur durch das engste soziale Umfeld oder den Betroffenen selbst bemerkt.

 

Kann man kognitive Einschränkungen messen? Wie grenze ich diese von anderen Symptomen wie Müdigkeit oder Depression ab?

Kognitive Veränderungen werden mittels standardisierter neuropsychologischer Testverfahren ermittelt. Hierzu liegen für jede Altersklasse so genannte Normwerte vor, mit denen man die individuellen Patientenwerte vergleicht. Bei MS sind nicht alle kognitiven Teilleistungen gleichsam betroffen. Es haben sich so genannte Kernfunktionen herauskristallisiert, die mehr betroffen sind als andere. Hierzu zählen die Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit, das Arbeitsgedächtnis, die mentale Flexibilität und die Aufmerksamkeit. Folglich werden in neuropsychologischen Abklärungen bei MS-Patienten diese kognitiven Funktionen vorrangig getestet. Um sicherzustellen, dass die kognitive Beeinträchtigung nicht durch eine Depression oder durch Fatigue (Müdigkeit) hervorgerufen wird, werden diese Phänomene in einer neuropsychologischen Untersuchung mit berücksichtigt und zu den kognitiven Leistungen ins Verhältnis gesetzt.

 

Unterliegen die kognitiven Einschränkungen grossen Schwankungen? Sind sie dauerhaft?

Kognitive Probleme unterliegen insofern Schwankungen, da Schübe sie zeitweise verschlimmern können. Treten zusätzliche Krankheitsfaktoren wie Schlafstörungen, Fatigue, Depression etc. hinzu, können diese Begleitsymptome ihrerseits die kognitive Leistungsfähigkeit negativ beeinflussen und durch ihre Präsenz Schwankungen hervorrufen. Es gibt wenige Patienten, die nur im Schub eine kognitive Leistungsstörung zeigen und nach dem Schub wieder komplett kognitiv intakt sind. Meist bleiben zumindest leichte Beeinträchtigungen vorhanden, die aber mit den geeigneten Strategien im Alltag nicht gravierend auffallen müssen.

 

Können kognitive Einschränkungen gezielt behandelt werden?

Grundsätzlich gibt es keine „Pille“, die gezielt gegen kognitive Störungen bei MS eingesetzt werden kann und das Problem behebt. Nicht-pharmakologisch kann man versuchen, den kognitiven Problemen mittels eines kognitiven Trainings entgegenzuwirken. Hierbei geht man davon aus, dass fehlerhafte Prozesse durch eine gezielte Stimulierung wieder in Gang kommen und sich das Gehirn aufgrund der Stimulation beginnt neu zu organisieren. Geistige Aktivität jedweder Art (Kartenspielen, Kreuzworträtsel, Schachspielen etc.) unterstützt das Zentrale Nervensystem zudem dabei, aktiv zu bleiben.

 

Was raten Sie MS-Betroffenen, die kognitive Einschränkungen haben?

Sobald man Veränderungen kognitiver Natur an sich selbst bemerkt, sollte man dies zunächst mit dem behandelnden Neurologen besprechen. Dieser kann dann den Betroffenen zu einer neuropsychologischen Abklärung überweisen, die am besten durch eine/n auf MS spezialisierten Psychologin/en durchgeführt werden sollte. Das Feststellen von kognitiven Teilleistungen und ihre Quantifizierung können oftmals den Betroffenen helfen, die Veränderungen als krankheitsbegleitend anzunehmen und im sozialen Umfeld für Entspannung sorgen, da nun eine klare Diagnose vorliegt.

 

Soll man anderen Menschen sagen, dass man unter kognitiven Einschränkungen leidet?

Wenn die Einschränkungen für den Betroffenen selbst stark einschränkend sind und er sich dadurch verunsichert fühlt, dann würde ich dazu raten, das jeweilige Gegenüber kurz darüber in Kenntnis zusetzen. In diesem Fall würde ich mein Gegenüber zunächst darum bitten, langsamer zu sprechen, damit ich alle Informationen auch mitbekomme. Es bleibt natürlich immer abzuwägen, wie wichtig das Gegenüber für einen persönlich ist. Man muss sicher nicht jeder Person mitteilen, dass man ein wenig langsamer oder vergesslicher geworden ist.

 

Inwiefern wirken sich Emotionen oder Stress auf die kognitiven Fähigkeiten aus?

Es ist erwiesen, dass sich Stress und Depressionen unabhängig von einer MS-Erkrankung negativ auf die kognitiven Leistungen auswirken. Treten diese Faktoren zu der Grunderkrankung hinzu, kann man sich vorstellen, dass die Auswirkungen noch gravierender sein können.

 

Gibt es einfache Strategien, die den Umgang mit kognitiven Einschränkungen im Alltag erleichtern?

Grundsätzlich ist es wichtig, dass man sich der Einschränkungen bewusst ist und sie dann versucht, auch wenn das sehr schwer ist, als Teil der Erkrankung zu akzeptieren. Damit nimmt man sich selbst erst mal ganz viel Stress. Wenn man sich dann so annehmen kann, eben auch mit seinen Defiziten, dann kann man über Strategien nachdenken, die auf den individuellen Alltag zugeschnitten sind. Hierzu können das Aufschreiben von wichtigen zu erledigenden Dingen genauso zählen wie das bewusste Einbauen von Ruhephasen und kognitiven Trainingseinheiten.